Was für ein perfekter Handballabend im Hexenkessel

Wahrscheinlich noch bis zum frühen Samstagabend führt der TuS Ferndorf die Tabelle der 2.HBL an !! Das kleine gallische Dorf im Profi-Handball wird manch Sportinteressierten zu der Frage bewegen, wo dieses Ferndorf eigentlich ist. Die Michel & Co. haben sich zum Saisonstart 2026/27 mit zwei beherzten Auftritten auf die Sport-Landkarte Deutschlands gespielt.
Dabei begann das Spiel mit dreißig Minuten Verspätung. Der Mannschaftsbus der Nord-Münsterländer hing in einer Vollsperrung auf der A45 fest, so dass die Gäste mit viel Verspätung im Gepäck in Kreuztal einliefen. Die Fans waren vor der Mannschaft da. Das gibt es in der Konstellation auch äußerst selten. Dafür entschuldigte sich Gäste-Coach Lennart Lingener im Rahmen der Pressekonferenz.
Das Spiel versprach Spannung und die 1224 Zuschauer in der Stählerwiese bekamen alles geliefert, was zu einem Handballfest dazugehört. Doch erst einmal ging es um die Torhüter beider Teams. Die Gäste mussten auf den im ersten Saisonspiel überragend agierenden Paul Dreyer verzichten. Auf der anderen Seite war der Nationalkeeper der Türkei, Can Adanir, sofort auf Betriebstemperatur. Gestützt auf seine ersten Paraden und einen konsequent agierenden, sehr gut verschiebenden Deckungsverbund gelang es den Rot-Weißen, sich früh mit zwei, drei Toren abzusetzen. Philip Würz mit dem 2:1 (5.) nach gut ausgespieltem Sieben gegen Sechs, was auch am Freitagabend wieder zur präferierten Marschroute Klatts gehörte. Daniel Hideg zauberte anschließend ein Rückhandanspiel auf den Kapitän am Kreis – Mattis Michel verwandelte traumwandlerisch sicher zum 3:1. Der TuS-Express kam ins Rollen. Doch nach dem ersten Tor von Marvin Mundus zum 6:3 (12.), dessen Namen wir im Bericht noch häufiger lesen werden, kam Niemand zum Wechsel mit Adanir. Dieser kam daraufhin viel zu spät zurück in seinen Kasten und war stinksauer auf seine Nebenleute. Emsdettens erfahrener Neuzugang aus Nordhorn, Björn Zintel, verursachte in der Folge zwei Mal hintereinander ein Stürmerfoul. Das hinderte die Gäste, die von rund vierzig mitgereisten Fans toll unterstützt wurden, aber nicht daran, das Spiel wieder auf ihre Seite zu drehen. Angeführt von einem gut haltenden Oliver Krechel im Tor und Österreichs National-Linksaußen Eric Damböck kamen die Grün-Schwarzen zu einem 6:0 Lauf innerhalb von fünf Minuten. Ferndorfs Coach Ceven Klatt zog die Notbremse und nahm eine Auszeit. „Emsdetten hat unser Sieben gegen Sechs sehr gut angegriffen und wir machen auch einfach zu viele technische Fehler in Hälfte Eins“, bilanzierte Klatt nach dem Spiel. Seine Jungs setzten das Besprochene sehr gut um. Nach dem 7:10 (18.) waren es zwei Rückraumkracher von Daniel Hideg und ein Traumtor von Tom Jansen, der von der Mittellinie Anlauf nahm um aus elf Metern zu vollenden, die für den erneuten Ausgleich sorgten. Die beiden Kontrahenten schenkten sich keinen Quadratzentimeter auf dem blauen Parkett. Kopf an Kopf ging es weiter bis zum 14:14 drei Minuten vor der Halbzeitsirene. „Ich habe mit Jannis immer mal wieder darüber gesprochen, ob wir den Torhüter wechseln“, gab Klatt einen Einblick in die Gespräche mit seinem Co- und Torwarttrainer Jannis Michel. Man entschied sich für die Variante mit Adanir und ging mit einem 15:16 in die Pause.
Halbzeit Zwei begann mit zwei Paukenschlägen. Zum einen war es Mundus, der dieser zweiten Hälfte seinen Stempel aufdrücken sollte, der zum 16:16 traf – T.N.T. von AC/DC lief über die Lautsprecher. Knallen wie TNT ließ es dann der junge Neuzugang auf der Linksaußen-Position. Pablo Lange, aus Magdeburg ins Siegerland gewechselt, zündete mit dem 17:16, der ersten Führung seit der 14.Minute, den Hexenkessel an. Zintel verursachte dann sein drittes Stürmerfoul und im Gegenzug war es die Kleingruppe Hideg-Lange mit blindem Vertrauen zum 18:17 traf. Doch auch die Siegerländer Jungs vermochten sich nicht abzusetzen. Es blieb ein Spiel auf Augenhöhe mit immer wechselnden Führungen bis zur 45.Minute. Da wurde Mundus, auf Kosten eines Siebenmeters, rüde gefoult. Entgegen aller Weisheiten nahm sich der Gefoulte das Spielgerät selbst und verwandelte den Siebenmeter zum 23:23. Der Auftakt zur Viertelstunde des Marvin Mundus! Der gebürtige Lengericher spielte wie vom anderen Stern – zwischen der angesprochenen 45. und der 59.Minute gelang ihm einfach Alles. War auf der anderen Seite Linksaußen Damböck die Tor-Maschine die wie am Fließband traf, war es auf Seiten der TuS-Equipe Mundus. Mit 24:24 ging es in die Crunchtime. Neben dem entfesselt aufspielenden Mundus, war es aber auch die Ferndorfer Abwehr, die Schwerstarbeit verrichtete und die Gäste ein ums andere Mal vor unlösbare Aufgaben stellte. Timo Stoyke kam zu seinen ersten Minuten im rot-weißen Trikot und stabilisierte auf Halbrechts den Abwehrverbund. Dabei bekamen zwei andere Spieler ein Extra-Lob des Trainers: „Wir kassieren zwischen der 42.-60.Minute nur vier Gegentore. Ein besonderes Lob geht da an den Innenblock mit Mattis Michel und Philip Würz.“ Doch auch einen anderen Punkt sprach der Mann auf Ferndorfs Kommandobrücke sehr gerne an: „Ein besonderer Dank geht an die Zuschauer. Das war eine geile Unterstützung – das hat die Mannschaft gebraucht!“ Und wahrlich, in der Schlusssequenz der Partie musste man Angst um die Standfestigkeit der über fünfzig Jahre alten Stählerwiese haben. Aus einem 24:25 (51.) machte Mundus mit vier Toren in Folge ein 28:25. Lingener nahm seine dritte Auszeit, doch die Halle war längst zum Faktor geworden. Über die komplette Auszeit hinweg erhielten die Michel & Co. Standing Ovations. Etwas, was man selbst in der Stählerwiese lange nicht mehr gesehen hatte. Weil anschließend Mundus zwei weitere Treffer folgen ließ, der Abwehrverbund weiter Beton anrührte und der überragende Ferndorfer dann auch noch einen langen Pass der Emsdettener spektakulär abfing, war der sehnlichst erwünschte Heimsieg in trockenen Tüchern. Nur zwei Bälle fanden in den letzten zehn Minuten den Weg Richtung Ferndorfer Tor, so dass der Emsdettener Coach mit eben jenen Minuten haderte: „Wenn wir hier fünfzig Minuten so gut mitspielen, müssen wir auch was mitnehmen. Aber wir haben gezeigt, dass wir mithalten können.“ Am Ende war es ein durchaus verdienter 31:26 Sieg der Siegerländer Jungs, der nur getrübt wurde durch ein völlig unnötiges Foul Timms an Würz, für dass der Gäste-Kreisläufer völlig zurecht den roten Karton erhielt.
1224 Zuschauer sorgten für eine tolle Atmosphäre in Kreuztals bester Stube. Das Spiel, und auch die mitreißend agierende Mannschaft, hätten eine ausverkaufte Halle verdient gehabt. Aber so haben auch die Zuschauer noch Steigerungspotenzial, wenn in zwei Wochen die Betriebssportgemeinschaft aus Dessau, der Dessau-Roßlauer HV, seine Aufwartung in der Stählerwiese macht. Jetzt gilt der volle Fokus aber der Partie am kommenden Wochenende. Das schwere Auswärtsspiel in Coburg steht auf dem Programm. Die Coburger haben keine guten Erinnerungen an das letzte Aufeinandertreffen, als die Ferndorfer am 2.Mai diesen Jahres einen vielumjubelten 27:33 Auswärtserfolg in der HUK-COBURG arena feierten. Spiel es noch einmal, Sam – jeder denkt an Casablanca und eines der berühmtesten Filmzitate aller Zeiten. Doch man möchte den Mannen von Ceven Klatt zurufen – spielt es noch einmal so wie im Mai, Jungs. Nicht auszudenken, was in und um Kreuztal los wäre, wenn der Mannschaft nun auch noch dieser Coup gelingen würde. Es wäre fast schon ein Meilenstein für das Motto, welches auch diese Saison wieder gilt: Alle dabei für den Klassenerhalt in Liga Zwei!
Eingesetzte Spieler (in Klammern die Tore): Marvin Mundus (12/3), Daniel Hideg, Mattis Michel (je 4), Pablo Lange, Philip Würz (je 3), Julius Fanger, Fabian Hecker, Tom Jansen, Thore Rahmlow, Finn Scharnweber (je 1), Can Adanir, Filip Baranasic, Soeren Servos, Timo Stoyke
>>> Der TuS Ferndorf live und auf Abruf bei DYN
Fotos: RGR/TuS Ferndorf und René Weiss

































