Tolle Leistung bleibt unbelohnt

1.289 Zuschauer wurden Zeuge einer Anfangsphase, in der sich viele Stammzuschauer verwundert die Augen rieben. Spielfreude, Spielwitz, schnelles Antizipieren in Angriffssituationen, clevere Abwehrarbeit und dazu ein Can Adanir im Tor, der da weiter machte, wo er in Dessau aufgehört hatte. Viele Bälle, die am vergangenen Sonntag noch zu technischen Fehlern geführt hatten, kamen an und wurden am Ende in Tore umgemünzt. Denn an zwei Dingen hatte die Mannschaft augenscheinlich intensiv gearbeitet in der Trainingswoche vor dem Spiel. Zum einen am Tempospiel, zum anderen an der Effektivität. Nach Tom Jansens Energieleistung zum 1:0, legte Rechtsaußen Josip Eres mit etwas nach, was es bislang viel zu selten zu bestaunen gab in dieser Saison. Die Abwehr hatte gut gearbeitet, Adanir den Ball gehalten, um dann Eres per Tempogegenstoß auf die Reise zu schicken. Es war eine wahre Freude, den Rot-Weißen zuzusehen. Adanir hielt zwei Siebenmeter, die Abwehr stand weiterhin sehr gut und im Angriff zeigten alle TuS-Spieler, dass sie gewillt waren, die Scharte in Dessau auszuwetzen. „Wir haben in dieser Phase alles super umgesetzt, was wir uns im Training erarbeitet haben“, war Ferndorfs Chefcoach Ceven Klatt nach der Partie begeistert von der ersten Halbzeit seiner Schützlinge. 5:3, 7:4 und und 9:5 lauteten die Zwischenstände. Als einer der Besten in Halbzeit Eins, Julius Meyer-Siebert, mit seinem vierten Treffer auf 11:6 in der 16.Minute stellte, hatte Bietigheims Star-Trainer Iker Romero genug gesehen. Auszeit – und für Romero-Verhältnisse wurde es richtig laut. „Wir haben in der ersten Halbzeit keine Lösungen gefunden gegen die Ferndorfer Abwehr“, war der Spanier gar nicht einverstanden mit der Vorstellung der Seinen in den ersten dreißig Minuten. Nach der Auszeit verkürzten die Süddeutschen auf 11:9 (19.). Klatt reagierte und brachte mit Daniel Hideg und Marvin Mundus frische Kräfte. Und nachdem Gabriel Viana unerklärlicherweise ein Tor abgepfiffen wurde, war es Hideg, der mit einem fulminanten Kracher in den Giebel auf 14:10 (24.) stellte. Adanir nahm den Vlahovic, Wolf und Strosack Bälle weg und sorgte so mit dafür, dass in den letzten vier Minuten keine Tore mehr fielen. So ging es mit einem 16:12 zum Pausentee.
So stark wie die ersten dreißig Minuten waren, so ernüchternd waren die ersten neun Minuten der zweiten Halbzeit. Der TuS-Equipe gelangen nur zwei Tore, währenddessen die Bietigheimer das Spiel in die Breite zogen und insbesondere über die Außen zu leichten Torerfolgen kamen. Der Tabellenführer war beim 18:17 (37.) zurück im Spiel. „Wir wussten um unsere Chancen, wenn wir nur einige Dinge ein bisschen besser machen“, stellte Romero den Seinen ein gutes Arbeitszeugnis für Hälfte Zwei aus. Ferndorfs Übungsleiter hatte die Hundertprozentigen als Gamechanger ausgemacht: „Bietigheim kommt aus der Halbzeit und drückt enorm aufs Tempo. Wir machen dann zwei, drei freie Bälle nicht rein.“ Zur Wahrheit gehört aber auch, dass der Gäste-Torhüter Jan Hrdlicka nun heiß lief. Am Ende kam der tschechische Nationaltorwart auf sensationelle 50% gehaltener Bälle. Bei Adanir ging die Kurve nach unten und beim 19:18 in der 40.Minute hatte man Angst dass die Partie kippt. Doch Julius Fanger zeigte sich unbeeindruckt von seiner bis dato schlechten Quote und nahm das Heft des Handelns wieder in die TuS-Hand. Meyer-Siebert legte nach, musste dann aber den nachlassenden Kräften Tribut zollen. Nach der neuerlichen Vier-Tore-Führung beim 22:18 kam ein Bruch ins Spiel. Der Kapitän, Mattis Michel, war mit einer Zeitstrafe auf der Bank, als dem Tabellenführer beim 23:23 in der 49.Minute der erste Ausgleich seit dem 0:0 gelang. Bietigheims Dreh- und Angelpunkt, Mittelmann Juan de la Pena, sorgte beim 24:25 für die erste Führung der Baden-Württemberger im ganzen Spiel. Mitausschlaggebend sicherlich auch, dass das Pendel bei den Fifty/Fifty-Entscheidungen immer öfter in Richtung des Tabellenführers ausschlug. Bestes Beispiel – der tragische Valentino Duvancic. Erst vergibt er beim Stande von 25:25 einen freien Ball, um in der nächsten Sequenz eine Zwei-Minuten-Strafe zu kassieren, die man in einer solchen Phase des Spiels einfach nicht ausspricht. Dreieinhalb Minuten vor dem Ende stellte Jonathan Fischer für die Gäste auf 26:27. Um es vorweg zu nehmen, es sollte der letzte Treffer der Partie sein. Beide Teams kamen nicht mehr zu einem Torerfolg. Der letzte Angriff der Rot-Weißen versandete. Auch ein letzter Verzweiflungswurf von Hideg fand nicht mehr ins Ziel.
„Glückwunsch zu dieser Atmosphäre“ - aus dem Mund eines weitgereisten Handballers wie Iker Romero klingt dieses Lob für die Stählerwiese noch einmal besonderer. Aber er hatte auch vollkommen recht. Die Zuschauer haben ihren Teil zu einem tollen Handballabend beigetragen, was auch Klatt anerkennend anmerkte: „Es ist schwer jetzt die richtigen Worte zu finden, weil das eine Niederlage ist die weh tut. Aber das war zum ersten Mal in dieser Saison Hexenkessel-Atmosphäre in der Stählerwiese. Vielen Dank an die Zuschauer!“ Klatt wollte sich auch „nicht in Floskeln verlieren“, sondern richtete den Fokus schon wieder auf das nächste Wochenende, wo das schwere Auswärtsspiel in Balingen/Weilstetten auf die TuS-Equipe wartet: „Wir müssen jetzt weiter arbeiten. Und vielleicht ist nächste Woche mal der TuS Ferndorf die Überraschung des Spieltages.“ Reiseziel am kommenden Sonntag ist die Mey Generalbau Arena in Balingen, die als besonders stimmungsvoll gilt. Vielleicht gelingt es den Michel & Co., die Leistung vom Freitagabend wieder abzurufen. Dann ist selbst in Balingen was Zählbares in Reichweite.
Eingesetzte Spieler (in Klammern die Tore): Julius Meyer-Siebert (6), Josip Eres (5/3), Daniel Hideg (4), Tom Jansen, Gabriel Viana (je 3), Valentino Duvancic, Julius Fanger (je 2), Marvin Mundus (1), Hampus Dahlgren, Mattis Michel, Hendrick Stock, Lukas Süsser, Can Adanir, Jannis Michel
Fotos: H.Burbach, T.Adanir, RGR-TuS Ferndorf

























