Tolle Abwehrleistung reicht nicht zum Sieg

Das „Riesen-Lob an die Verteidigung“ packte Klatt in der Pressekonferenz ganz an den Anfang seiner Ausführungen. Und auch der Coach der Gastgeber, David Röhrig, stellte fest, dass „wir lange nicht mehr vor so viele Aufgaben gestellt worden sind“. Gerade in der Anfangsphase der Partie mussten die Hansestädter ein ums andere Mal ins Zeitspiel. Sie fanden keine Lösungen gegen einen kompakt agierenden Ferndorfer Abwehrverbund, der die Angreifer hoch aufnahm. In dieser Phase kam Würz zu einem Einsatz, den er mit Verdacht auf Schädel-Hirn-Trauma direkt wieder beenden musste. Einen letzten Pass im Zeitspiel nutzten die Gastgeber zu einem Wurf, der mit voller Wucht den Kopf Würz' traf. Altbekannte Abschlussprobleme verhinderten zu Beginn des Spiels eine durchaus mögliche, höhere Führung der TuS-Jungs. Über fünf Minuten dauerte es nämlich, bis die Lübecker ihr erstes Tor erzielten. Problem nur, dass auch die Michel & Co. ihre Angriffe nicht mit der nötigen Effektivität zu Ende spielten. Auf der Höhe des Geschehens präsentierte sich allerdings Soeren Servos, der zum 0:1 traf und zum 1:2 durch Gabriel Viana in der 6.Minute toll auflegte. Nach zehn Minuten stand ein 4:3 auf der Anzeigetafel. Das Spiel hatte etwas Fahrt aufgenommen, war aber weiter geprägt durch gute Abwehrarbeit und einen Torhüter, der mehr und mehr zum Faktor wurde – der ehemalige slowenische Junioren-Nationalkeeper Mark Ferjan kaufte den Ferndorfer Angreifern einen Ball nach dem anderen ab. Das Pendel des Torhüter-Spiels, das so oft in Richtung Ferndorf ausschlägt, schlug ganz klar in Richtung der Mannen von der Lübecker Bucht. Schon nach einer knappen Viertelstunde wechselte Klatt auf der rechten Seite durch. Tom Jansen und Josip Eres übernahmen von Marvin Mundus und Finn Scharnweber. Das änderte erst einmal nichts an der Gemengelage auf dem Feld. Ganz im Gegenteil, denn nach siebzehn Minuten hatte Lübeck die Chance, beim Stand von 7:5, erstmals auf drei Tore zu enteilen. Doch der Siebenmeter von Linksaußen Jan-Eric Speckmann landete an der Latte. Und statt einem 8:5 stand es im Gegenzug 7:6, da Daniel Hideg aus dem Rückraum traf. Das Geburtstagskind Nico Schnabl übernahm dann den Part der Spielsteuerung. Doch genau da liegt weiterhin das Hauptproblem der TuS-Equipe. Es läuft im Angriff nicht rund. Doch, es läuft ab und an wirklich rund und der Ball läuft wahrlich nicht schlecht – es fehlt aber an Effektivität im Abschluss. Hinzu kam der weiterhin famos haltende Ferjan im Tor der Gastgeber, der zur Halbzeit bei sensationell anmutenden zehn Paraden stand. Zehn Paraden gegenüber drei auf Ferndorfer Seite. Dass es die Jungs vom Kindelsberg trotzdem geschafft hatten, sich bis zur Halbzeit-Sirene eine 10:11 Führung herauszuspielen, mutiert ein wenig unter der Kategorie Wunder.
Hälfte Zwei begann wieder mit den altbekannten Fehlern im Spielaufbau. Der Regisseur und Taktgeber auf der Mittelposition, die letzten beiden Jahre mit der prägenden Spielerpersönlichkeit Janko Kevic besetzt, bleibt ein wenig das Sorgenkind der Klatt-Mannen. Und da auf Gastgeber-Seite Ferjan weiterhin alles hielt was irgendwie zu halten war, konnten die Rot-Weißen die Führung nicht ausbauen. „Es war eine Abwehrschlacht, die wir aufgrund der Leistungssteigerung in der zweiten Halbzeit für uns entscheiden“, fasste Röhrig das Geschehen mit dem Wort Abwehrschlacht perfekt zusammen. Denn nach der Pause ging es Kopf an Kopf weiter. Michel hatte wieder von Aushilfs-Kreisläufer Gabriel Viana übernommen, doch Ferjan hatte sich in die Köpfe der Ferndorfer geschlichen. Ist das Torewerfen auch ansonsten nicht gerade die Paradedisziplin der TuS-Jungs, so macht es das Ganze nochmal schwerer, wenn solch ein Meister seines Fachs zwischen den Pfosten steht. Klatt attestierte den Seinen „viel Engagement und Willen“, während Röhrig einen Spieler auf TuS-Seite heraushob: „Ferndorf arbeitet mit viel Herz und viel Leidenschaft. Großes Lob an Mattis Michel, insbesondere für seine Zweikämpfe gegen die Hand.“ 12:13 (35.) und 14:13 (40.) lauteten die weiteren Zwischenstände. In der 43.Minute musste Jansen dann zum zweiten Mal mit einer Zeitstrafe auf die Bank. Und genau in dieser Unterzahl leistete sich Servos, der bis dahin mit viel Verve operierte und bester Offensivspieler seines Teams war, ein folgenschweres Foul, das eine rote Karte nach sich zog. Richtige Entscheidung der Unparteiischen und doppelte Unterzahl für Ferndorf. Doch Hideg, mit einem Wahnsinnstreffer aus elf, zwölf Metern sorgte dafür, dass dieses Ungleichgewicht mit einem 1:1 endete. Mit den verbliebenen neun Feldspielern stellte Klatt nach einer Auszeit auf Sieben gegen Sechs um. So blieb man bis zur 48.Minute (18:17) auf Augenhöhe. Symptomatisch für den glücklosen Auftritt der Aufrechten aus dem Siegerland dann eine Szene, in der Hideg den Ball als Aufsetzer ins Eck wirft. Wobei Eck es ganz gut trifft, denn der Ball blieb im oberen Toreck stecken und es gab kein Tor für die Rot-Weißen. Bis zur 52.Minute legten die Marmeladenstädter mit einem 4:0 Lauf auf 22:17 vor. Das Spiel war somit eingangs der Crunch-Time schon entschieden. Zu viele Nackenschläge mussten die Klatt-Jungs einstecken. Zu viele Dinge liefen an diesem Freitagabend gegen den TuS. Und wenn dann hinten raus, die ansonsten souverän leitenden Unparteiischen, die 50/50 Pfiffe eher einseitig verteilen, macht es eine Aufholjagd unmöglich. Die aufopferungsvoll kämpfenden Michel & Co., die über fast sechzig Minuten hinweg mit ihren hoch stehenden Halbverteidigern für große Probleme bei den Gastgebern gesorgt hatten, konnten sich für die harte Arbeit nicht belohnen. Klatt sprach nochmal den Faktor Publikum an, indem er einen „Glückwunsch zu der tollen Stimmung“ aussprach. Und wahrlich, in der Schluss-Viertelstunde wurde die Hansehölle ihrem Namen gerecht und auch zum Faktor. Am Ende war es wie so häufig in dieser Saison. Eine Ferndorfer Truppe, die alles in die Waagschale wirft, sich aber knapp geschlagen geben muss. 26:24 lautete der Endstand nach kräftezehrenden sechzig Minuten.
„Wir haben eine unfassbar intensive Woche vor uns“ - Klatt sprach die kommenden Tage an, in der sich die TuS-Jungs untereinander häufiger sehen als sonst irgendwen. Sonntag und Montag Training, Dienstag Spiel, Mittwoch und Donnerstag Training und dann abschließend am Freitag ein Spiel. Und auch wenn es inzwischen abgedroschen klingt: Gerade in der aktuellen Situation ist es wichtiger denn je, als #familieferndorf, #familietus zusammenzuhalten. In Lübeck waren wieder einmal über dreißig Ferndorfer vor Ort. Die konnten sich stimmungstechnisch allerdings nicht gegen die knapp 2000 Lübecker durchsetzen. Das muss und wird in der kommenden Woche anders werden. Dienstag in Hagen braucht das Team schon die Unterstützung seiner Fans. Ganz besonders wichtig wird diese Unterstützung allerdings am kommenden Freitag sein. Heimspiel gegen den TuS Nettelstedt-Lübbecke. Jetzt muss Handball-Siegerland zusammenstehen und den TuS Ferndorf über die Ziellinie tragen. Damit es auch in der kommenden Saison wieder heißt: Alle dabei für den Klassenerhalt in Liga Zwei!
Eingesetzte Spieler: Daniel Hideg (6), Julius Fanger, Tom Jansen (je 5), Soeren Servos (3), Finn Scharnweber, Gabriel Viana (je 2), Mattis Michel (1), Can Adanir, Filip Baranasic, Josip Eres, Marvin Mundus, Nico Schnabl, Philip Würz







