Solider Auftritt reicht nicht gegen den Tabellenzweiten

Can Adanir nahm dem Linksaußen des Heimteams, Tim Grüner, direkt den ersten freien Wurf weg. Das sollte allerdings die letzte Torhüter-Parade auf Ferndorfer Seite für lange Zeit gewesen sein. Die Gallier von der Alb, wie sich die Balinger selbst nennen, trafen aus allen Lagen. Nach Kreuzbewegungen war das Ferndorfer Abwehrkonstrukt schnell auseinander gespielt. Schnelle Mitte, Tempogegenstoß, Durchbruch auf sechs Metern. Die TuS-Abwehr schien den Ausfall Gabriel Vianas nicht kompensieren zu können. Auf der Gegenseite ein anderes Bild. Die HBW-Abwehr stand sattelfest, verschob hervorragend und stellte die Michel & Co. immer wieder vor große Aufgaben. Über 2:0 (3.) und 5:2 (6.), zogen die Blau-Roten auf 7:2 in der achten Minute davon. Klatt hatte genug gesehen und nahm früh die erste Auszeit. „Was verteidigen wir“, war die Auftaktfrage des TuS-Trainers an seine Mannen. Und auch ein anderes Problem deutete sich schon in den Anfangsminuten an. Klatt hatte vor der Ansprache an seine Jungs einige weniger herzliche Worte an das Unparteiischen-Gespann gerichtet. Und auch nach dem Spiel hatte sich Klatt, der ansonsten nie die Schiedsrichterleistung moniert, immer noch nicht beruhigt. Die vielen Fifty-Fifty-Entscheidungen, die fast allesamt für den Tabellenzweiten ausgelegt wurden, vor allen Dingen aber die unterschiedliche Auslegung der Zeitspielregel, brachte den Brandenburger sprichwörtlich auf die Palme. „Wir bekommen in dieser Phase viel zu einfache Gegentore. Und nichtsdestotrotz schaffen wir es bis zur Halbzeit, das Spiel offen zu halten“, spricht Klatt von der Phase zwischen der 17. und 30.Minute. Bis zur Minute Siebzehn sah es allerdings weiterhin nicht nach einer guten Auswärtsleistung der Mannen vom Kindelsberg aus. Adanir traf mit seinem ersten Saisontor zum 9:6 ins verwaiste Gallier-Tor. Doch eine schlecht ausgespielte Überzahl mündete im 12:7 für die Gastgeber. In der angesprochenen 17.Minute übernahm dann Neuzugang Filip Baranasic von Adanir. Und wie – in der ersten Aktion hielt er einen Siebenmeter. Anschließend vernagelte Baranasic seinen Kasten und stand zur Halbzeit bei 44% gehaltener Bälle. Im Angriff fehlte noch die Effektivität. Die wurde erst besser, als Klatt auf zwei Linkshänder im Rückraum umstellte. Tom Jansen und Marvin Mundus harmonierten gut, so dass man sich, gestützt auf die Baranasic-Paraden, Tor für Tor heranarbeitete. Im Rückraum wurden bessere Entscheidungen getroffen und auch der Kapitän traf vom Kreis. Auf zwei Tore konnte die TuS-Equipe nicht verkürzen, aber der Drei-Tore-Rückstand (17:14) ließ alle Optionen offen für Hälfte Zwei. Angetan war auch der Coach von der Leistung seines Neuzugangs im Kasten: „Das haben wir uns gewünscht. Filip kommt rein und setzt sofort Impulse!“
Die Männer aus dem handballverrücktesten Dorf des Siegerlandes kamen gut aus der Halbzeit. Baranasic hielt weiter was zu halten war – und seine Vorderleute konnten beim 19:18 (35.) das erste Mal auf ein Tor Rückstand verkürzen. Man war drauf und dran auszugleichen. Doch auch in dieser Phase des Spiels, teilweise in doppelter Unterzahl, durften die HBW-Spieler, denen auch sicherlich noch die Donnerstag-Partie bei den Eulen Ludwigshafen in den Knochen steckte, den Ball zum Anwurf an die Mittellinie tragen. Aber nun endlich hatten die Rot-Weißen die dringend benötigte Tiefe im Spiel. Nach dem 20:20 (38.) durch Hampus Dahlgren nahm Heimcoach Matthias Flohr eine frühe Auszeit, da die TuS-Jungs drauf und dran waren das Spiel zu drehen. Beim Stand von 22:21 gab es bei einem Wurfversuch Valentino Duvancics einen Kopftreffer beim Balinger Keeper Mateusz Kornecki. Duvancic in der Bewegung – Kornecki in der Bewegung. Doch dessen Gestik findet bei den Unparteiischen Gehör und sie bestraften Duvancic mit einer Zeitstrafe. Höchst diskutabel und ein Schlag ins Kontor der Ferndorfer Bemühungen, dem Spiel eine Wende zu geben. „In dieser Phase machen wir auch einfach zwei, drei Fehler zu viel“, war Klatt mit den Ereignissen zwischen der 40. und 48.Minute nicht zufrieden und nahm folgerichtig seine zweite Auszeit. Doch da war beim 28:23 schon eine Vorentscheidung zugunsten des Tabellenzweiten gefallen. Der TuS-Coach zeigte sein Missfallen zu den Schiedsrichter-Entscheidungen überdeutlich und handelte sich zu Beginn der Crunch-Time eine Zeitstrafe ein. Balingens Mittelmann Yonatan Dayan war zu diesem Zeitpunkt längst heiß gelaufen und nahm nun in Kombination mit dem starken Kreisläufer Tobias Heinzelmann die Ferndorfer Abwehr auseinander. „Und doch muss ich meinen Jungs ein Kompliment machen, dass wir Balingen nicht haben weglaufen lassen. Wichtig auch für den Kopf, dass wir nicht zu hoch verloren haben“, verwies Klatt auf die Zehn-Tore-Siege Balingens gegen N.-Lübbecke, Nordhorn und Ludwigshafen. Über 29:25 (51.) und 32:28 (55.) lief das Spiel dem Ende entgegen. Endstand nach sechzig intensiven Minuten: 35:31.
Jetzt heißt es zu Wochenbeginn erst einmal Wunden lecken. Die Niederlage verarbeiten und den Blick nach vorne zu richten auf die nächste Aufgabe. Und die hat es durchaus in sich. Mit dem VfL Potsdam stellt sich ein letztjähriger Bundesligist in der Stählerwiese vor. Dass die TuS-Equipe durchaus im Stande ist, auch diese Kategorie Gegner vor hohe Hürden zu stellen, hat sie im letzten Heimspiel bewiesen. In Kooperation mit einer endlich wieder am Maximum agierenden Stählerwiese konnte man den Favoriten und Tabellenführer aus Bietigheim bis in die Schlussphase hinein ärgern. Das könnte die Blaupause für den kommenden Samstagabend sein. Mit der gleichen Einstellung agieren wie gegen Bietigheim und die Zuschauer mitnehmen. Dann ist auch gegen Bob Hannings Talentschmiede alles möglich. Einige wenige Sitzplätze und reichlich Stehplätze gibt es noch für das Spiel am Samstag um 19:30 Uhr. Alle in die Halle und mithelfen, dass auch in der kommenden Saison Zweitligahandball in Kreuztals bester Stube gespielt wird – frei nach dem bekannten Motto: Alle dabei für den Klassenerhalt in Liga Zwei!
Eingesetzte Spieler (in Klammern die Tore): Marvin Mundus (5), Tom Jansen (5/1), Julius Meyer-Siebert (4), Josip Eres (4/1), Daniel Hideg, Mattis Michel (je 3), Hampus Dahlgren, Julius Fanger, Valentino Duvancic (je 2), Can Adanir (1), Lukas Süsser, Filip Baranasic
Fotos: T. Adanir

















