Dramatisches Ende in der Stählerwiese

Dabei war der Beginn wie gemalt für die Jungs vom Kindelsberg. Julius Fanger, der in den ersten Spielen noch auf der Suche nach seiner Form war zeigte, dass er das Formtief endlich hinter sich gelassen hat und traf zum 1:0. Can Adanir hielt den ersten Wurf der Gäste. Patrick Gempp, zentraler Abwehrspieler der Großwallstädter erhielt ganz früh seine erste Zeitstrafe. Und die Ferndorfer Abwehr stand so gut, dass man die Blau-Weißen immer wieder ins Zeitspiel zwingen konnte. Die drei Kreisläufer, Valentino Duvancic, Mattis Michel und Lukas Süsser rührten, gemeinsam mit Gabriel Viana, Beton an. Duvancic bekleidete die Kreisläufer-Position im Angriff und wurde dort zwei Mal herausragend von Tom Jansen in Szene gesetzt. Überhaupt war Jansen die Spielfreude gegen seinen Ex-Verein anzumerken. Noch einer, der sich endlich wieder mal in Gala-Form zeigte, war die Nummer Acht des TuS, Julius Fanger. Seine zwei Treffer zum 7:3 und 8:4 in der 14.Minute bedeuteten die ersten Vier-Tore-Führungen für die Siegerländer. Nach dem 10:6 leistete sich Großwallstadts Florian Eisenträger in der 18.Minute ein grobes Foul an der Ferndorfer Wechselzone, als er Jansen in Süsser hineincheckte. Ungeahndet vom Schiri, war es anschließend vorbei mit der Ferndorfer Herrlichkeit. „Eine entscheidende Phase im Spiel“, betitelte es Klatt. Es waren die Minuten Siebzehn bis Sechsundzwanzig. Mehrere Freistellungen wurden verworfen und auch eine Auszeit Klatts brachte zunächst nicht die erhoffte Wende. Die Wurfeffizienz ging rapide nach unten und auch Adanir bekam keine Hand mehr an den Ball. Die Unterfranken kämpften sich Tor für Tor wieder heran und hatten beim 10:9 (23.) den Anschluss wieder hergestellt. TVG's Halbrechter Yessine Meddeb kassierte dann für ein Foul an Fanger die rote Karte. Eben jener Fanger setzte dann Duvancic mit einem spektakulären No-Look-Pass in Szene, und der beendete die Torlos-Phase des TuS. Ein Trainer hat mal gesagt, dass ein Torhüter nicht viele Bälle halten muss, dafür aber die wichtigen. Das tat Adanir wiederum vor der Halbzeit als er von Links- und Rechtsaußen freie Würfe vereitelte und somit sein Scherflein zum 14:11 Halbzeitstand beitrug.
Zu Beginn der zweiten Halbzeit hatte Klatt ordentlich durchgewechselt. Hampus Dahlgren, Julius Meyer-Siebert und Marvin Mundus waren nun auf dem Feld, konnten aber keine Akzente setzen, was auch Klatt im Nachgang der Partie monierte. Denn während Großwallstadts Coach André Lohrbach seiner vermeintlich zweiten Reihe ein Sonderlob attestierte, kam Ferndorfs Coach nicht umhin zu sagen, dass „die, die reinkamen, nicht an die Leistung der anderen anknüpfen konnten“. Doch bis zum 18:15 (36.) war alles im grünen Bereich. Was weiterhin an einem wie befreit aufspielenden Fanger lag, der sich am Ende auch ein Sonderlob seines Trainers verdiente. Lohrbach hatte in der Pause einen klaren Auftrag an seine Mannen gerichtet: „Wir hatten uns vorgenommen, im Angriff bessere Lösungen zu finden, da uns in der ersten Halbzeit die Tiefe im Spiel und der Zug zum Tor gefehlt haben!“ Es kam nun ein Bruch ins Spiel der TuS-Equipe. Im Angriff fehlte die Abstimmung und der rot-weiße Abwehrverbund hatte zunehmend Schwierigkeiten mit den Würfen aus dem Großwallstädter Rückraum, da man nicht mehr in die Zweikämpfe kam. „Unsere 6:0 Deckung hat in der zweiten Halbzeit wirklich gut funktioniert“ war Lohrbach voll des Lobes für die Seinen und fügte an „sehr stolz auf meine Mannschaft“ zu sein. Klatt hingegen haderte mit der nicht mehr vorhandenen Möglichkeit des Spezialistenwechsels auf Lukas Süsser, da in Halbzeit Zwei der lange Weg zur Bank dies fast unmöglich machte. Beim 18:19 (41.) hatten die Unterfranken die Partie gedreht und gingen erstmals in Führung. Nach dem 19:20 brachte Klatt Co- und Torwarttrainer Jannis Michel für Adanir, der weiterhin glücklos agierte. Und der älteste der Michel-Brüder zeigte sofort, warum GWD Minden ihn seinerzeit nach Ostwestfalen lotste. Zwei von vier Bällen parierte er auf höchst spektakuläre Art und Weise, was auch Klatt Respekt abnötigte: „Jannis hat sich bei seiner zweiten Parade leider an der Hüfte verletzt. Ich hätte ihn sonst ganz bestimmt nicht wieder rausgenommen“. Die erste Zwei-Tore-Führung der Blau-Weißen konterte der TuS zum 22:22 (49.). Die Spannung war quasi greifbar. Drei Mal hintereinander mussten die Unparteiischen dann auf Stürmerfoul entscheiden., Eine Häufung von Pfiffen, die man so sicher ganz selten hört. Es bedurfte nun Spielern, die das Heft des Handelns in die Hand nehmen und keine Angst haben. Und auf Ferndorfer Seite traf das im Angriff nur noch auf Fanger und Hideg zu. Und so wie es die Ferndorfer Abwehr zu Beginn schaffte, die Gäste häufig ins Zeitspiel zu zwingen, war dies nun umgekehrt so. Die Klatt-Mannen kamen nur noch selten zum Durchbruch. Der TVG legte vor, der TuS glich aus. Bis zum 26:26 durch Hideg 93 Sekunden vor Schluss. Was kaum möglich schien, machte TVG-Spieler Mario Stark möglich. Im Zeitspiel ließ er sich ein ums andere Mal in einem Zweikampf festmachen, und erst vierzehn Sekunden vor Schluss suchte er die Entscheidung. Pfiff der Schiedsrichter – Siebenmeter für Großwallstadt – erneute Führung. Auszeit von Klatt und Ferndorf spielt die Uhr runter – denkste. Denn Hideg trifft zwar drei Sekunden vor dem Ende zum vielumjubelten Ausgleich. Doch da die Ferndorfer den siebten Feldspieler dazu genommen hatten, war das TuS-Tor verwaist. Und in eben jenes verwaiste Tor senkte sich, zum Entsetzen der 1256 Zuschauer, der letzte Anwurf des TVG zum 27:28 ins Netz. Schluss, Ende, Aus, der TuS Ferndorf hat ein Problem – und das heißt aktuell Heimsieg.
Nun kommen vermeintlich ganz harte Brocken auf die Jungs aus dem handballverrücktesten Dorf des Siegerlandes zu. Doch wie Klatt schon anmerkte: „Wir haben Respekt vor jeder Mannschaft in dieser Liga. Aber natürlich wollen wir auch gegen jeden Gegner gewinnen!“ Die nächste Gelegenheit dazu bietet sich den Michel & Co. kommende Woche Sonntag. In Dessau hängen die Trauben für die Auswärtsteams zwar bekanntermaßen hoch, doch zwei Dinge lassen den TuS-Tross optimistisch Richtung Sachsen-Anhalt aufbrechen. Zum einen ist da die überaus positive Bilanz gegen den Dessau-Roßlauer HV. Und zum anderen scheinen sich die Siegerländer zu wahren Künstlern auf fremdem Terrain aufzuschwingen. Zwei Mal durfte man diese Saison in der Fremde antreten – zwei Mal hielt man sich schadlos. Dass beim „Unterfangen Auswärtssieg Nummer Drei“ wieder reichlich Unterstützung in den Osten der Republik reist, dürfte sicherlich auch darin begründet liegen, dass Fans aus Dessau und Ferndorf nun schon seit vielen Jahren einen sehr freundschaftlichen Kontakt zueinander pflegen. Und so heißt es am Sonntagnachmittag um 17 Uhr in der Anhalt-Arena zu Dessau: Alle dabei für den Klassenerhalt in Liga Zwei!
Eingesetzte Spieler (in Klammern die Tore): Julius Fanger (9), Valentino Duvancic (5), Josip Eres (5/1), Daniel Hideg, Tom Jansen (je 4), Hampus Dahlgren, Julius Meyer-Siebert, Mattis Michel, Marvin Mundus, Hendrick Stock, Can Adanir, Jannis Michel
Fotos: H.Burbach, T.Adanir, RGR/TuS Ferndorf























