Dezimierte Ferndorfer liefern Nordhorn einen großen Kampf

Das Häuflein der Aufrechten, eine Begrifflichkeit, die sich leider im Laufe der Saison in Ferndorf durchgesetzt hat, war darauf aus, dem Favoriten aus dem Emsland möglichst lange Paroli zu bieten. Soeren Servos stand, nach seiner Verletzung, etwas überraschend in der Anfangsformation. Auch dabei, der Man of the match aus dem Coburg-Spiel, Marvin Mundus. Doch der erste Treffer ging auf das Konto des am Saisonende scheidenden Linksaußen Gabriel Viana, der einen Abpraller aufnehmen und verwerten konnte. Die HSG Nordhorn-Lingen, die mit Frieder Bandlow auf ihren Top-Spieler verzichten musste, agierte mit einem spielfreudigen Rückraum, der zudem viel Torgefahr ausstrahlte. Jaris Tobeler, Björn Zintel und Tarek Marschall waren die Torschützen zum 1:3 (4.), so dass der Rückraum einmal von rechts nach links reüssierte. Die TuS-Equipe hatte zu Beginn Pech mit riskanten Anspielen. Erstmals erfolgreich war dann Daniel Hideg mit einem Zuspiel, als er den eingelaufenen Josip Eres in Szene setzte, der zum 2:4 (6.) traf. In der Abwehr bekamen die Rot-Weißen hingegen keinen Zugriff auf die Gäste. Die ließen den Ball schnell laufen, brachten die TuS-Abwehr in Bewegung und nutzten konsequent die sich bietenden Lücken. Can Adanir im Ferndorfer Tor, der nach dem Ausfall Filip Baranasics wieder weitestgehend auf sich allein gestellt war, konnte einem da fast schon leid tun. Nach rund zehn Minuten kam Mundus auf Betriebstemperatur und hatte Gefallen am Torewerfen gefunden. Und auch das Verwandeln der Strafwürfe aus sieben Metern übernahm der gebürtige Lengericher, nachdem Eres am wieder einmal stark aufspielenden Kristian van der Merwe im Nordhorner Tor gescheitert war. Servos nahm nun das Heft des Handelns in die Hand. Einmal in die Tiefe, was einen Siebenmeter zur Folge hatte, einmal selbst als Torschütze und einmal als Vorlagengeber. Nordhorns Linksaußen Elias Ruddat räumte dann äußerst unsanft Servos ab und verdingte sich danach auch noch an Mundus. Dass die Pfeife stumm blieb, ließ die 1293 Zuschauer, in der erstmals seit Wochen nicht ausverkauften Stählerwiese, zum ersten Mal an diesem Abend aus dem Sattel gehen. Ein weiteres Mal laut wurde es beim Kempa-Tor Mundus' zum 9:12 (19.). Doch leider nahmen das die Gäste als Fanal, nochmal nachzulegen. Beim 9:14 (21.) betrug der Rückstand erstmals fünf Tore. Über den Kreis gelang den Hausherren so gut wie nichts. Und auch die Außen waren nicht wirklich im Spiel. Doch die Abwehr präsentierte sich fortan galliger und auch Adanir wusste mit Paraden zu gefallen. Julius Fanger stellte mit seinem obligatorischen Dreher auf 13:16 in der 26.Minute. Doch beim 15:19 eine Minute vor der Halbzeitsirene musste man Angst um die Michel & Co. haben, dass das Spiel schon vor der Pause eine schlechte Wendung nimmt. „Statt auf 15:20 zu stellen, kassieren wir in der Schlussminute noch zwei Tore“, war Nordhorn Coach Mark Bult auf die Schlusssequenz in Hälfte Eins gar nicht gut zu sprechen. Die Halle war wieder da und der Glaube ans Team zurückgekehrt, auch wenn TuS-Coach Ceven Klatt mit der Abwehrleistung haderte: „19 Gegentore sprechen klar gegen unsere Abwehr!“
Bei sommerlichem Wetter trudelten viele Zuschauer erst später wieder in der Halle ein. Doch sie schienen sich gut gestärkt zu haben. Denn als die TuS-Equipe aus einem 18:21 ein 20:21 machte, musste man um die Standfestigkeit des altehrwürdigen Hexenkessels fürchten. Doch ausgerechnet in diese Phase hinein gelang dem Tabellensechsten ein 5:0-Lauf, der dann auch der Stählerwiese den Stecker zog. Wobei das in Kreuztal nie von langer Dauer ist. „Wir waren mehrfach tot in diesem Spiel. Beim 9:14 und auch beim 21:28“, sagte Klatt, wusste aber auch, wer mithalf, das Spiel wieder zu öffnen, als er „einen großen Dank ans Publikum“ richtete, für eine Wahnsinns-Atmosphäre in der zweiten Halbzeit. Erst einmal aber wurde van der Merwe zum Faktor für die Gäste. Gestützt auf seine Paraden zogen sie bis zum von Klatt angesprochenen 21:28 (43.) davon. Die rund ein Dutzend HSG-Fans, die sich auf die Reise ins Siegerland gemacht hatten, waren frohen Mutes und tanzten schon zur eingespielten Musik. Es war augenscheinlich nur ein Frage wie hoch der Gästesieg ausfallen würde. Doch diese Gleichung darf man nicht mit den Unbeugsamen aus dem handballverrücktesten Dorf Südwestfalens machen. Denn Siegerländer geben bekanntermaßen niemals auf. Bei 22:29 in der 45.Minute nahm Klatt seine zweite Auszeit und danach waren es zwei Faktoren, die zur großen Aufholjagd beitrugen. Zum einen Philip Würz, der im Abwehrverbund eine famose Leistung ablieferte. Und das Ferndorfer Sieben gegen Sechs, was auch ein ums andere Mal Würz als Abnehmer fand. „Ferndorf macht das super im Tempospiel und mit dem Sieben gegen Sechs haben sie uns vor Herausforderungen gestellt“, gab Bult zu Protokoll. Innerhalb von nur fünf Minuten machten die TuS-Jungs aus einem 22:29 ein 27:29. Würz hatte spektakulär getroffen und der Hexenkessel machte seinem Namen alle Ehre. An dieser aufgeheizten Atmosphäre hatten allerdings auch die Unparteiischen ihren Anteil. Ferndorf war „all in“ gegangen mit dem Sieben gegen Sechs und war wieder im Spiel. Ein klares Stürmerfoul Zintels mündete in einem Siebenmeter – 28:31 (51.). Der unermüdlich rackernde Fanger stellte auf 30:31. Damit waren die Gastgeber nach zwanzig Minuten wieder mal auf ein Tor herangekommen. Doch der Ausgleich wollte nicht fallen. Mattis Michel, dem am gestrigen Tage das Pech an den Fingern klebte, traf nur den Innenpfosten. Und in der Abwehr gab es ein erneutes, nicht geahndetes Nordhorner Stürmerfoul. Klatt sah die gelbe Karte. Und der zwei Minuten lang dauernde Nordhorner Angriff mündete in einer Entscheidungssituation des bundesligaerfahrenen Zintel, der den Kontakt annahm, spektakulär landete und damit eine Zwei-Minuten-Strafe zog. In Spielen mit solchen Voraussetzungen muss beim Underdog einfach alles passen. Dazu vielleicht auch der ein oder andere Fifty-Fifty-Pfiff des Unparteiischen-Gespanns. Das war in der Crunch-Time nicht der Fall. Das alles mündete in einer 31:35 Niederlage, die der Gäste-Coach folgendermaßen umschrieb: „Ich denke es war ein verdienter Sieg, da wir das Spiel über sechzig Minuten im Griff hatten. Wir wussten nur allzu gut, dass auswärts in Ferndorf zu spielen eine harte Aufgabe ist.“
Nun gilt es erst einmal Wunden zu lecken im Lager der Rot-Weißen. Ein spielfreies Wochenende steht vor der Tür, bevor es anschließend zwei Mal in die Fremde geht. Erst am 23.Mai nach Ludwigshafen zu den Eulen. Und dann, eine Woche später, zu den Mittelhessen nach Hüttenberg. Zwei Auswärtsaufgaben, bevor es am 6. Juni unter Umständen zum großen Showdown gegen den TuSEM Essen kommt. Das wollen alle die, die es mit dem TuS halten unbedingt vermeiden. Dazu bedarf es aber eines, besser aber noch zwei Punkten aus den beiden Auswärtsspielen. Toll wäre, wenn sich die Michel & Co. auch in der Fremde wieder der Unterstützung der Fans sicher sein dürften. Damit es auch nächstes Jahr wieder heißt: Alle dabei für den Klassenerhalt in Liga Zwei!
Eingesetzte Spieler (in Klammern die Tore): Marvin Mundus (11/2), Julius Fanger (5), Daniel Hideg, Soeren Servos, Gabriel Viana (je 3), Josip Eres, Finn Scharnweber, Philip Würz (je 2), Can Adanir, Jannis Michel, Mattis Michel
Fotos: Heiko Burbach















