Da war mehr drin für den TuS Ferndorf

Die 2026-er Siegesserie ist gerissen. Ausgerechnet in einem Spiel, wo aufgrund der vorherrschenden Stimmungslage viele TuS-Fans darauf gehofft hatten, die Erfolgswelle noch ein bisschen reiten zu können. So darf man sich am Ende eines stimmungsvollen Abends nur an den netten Worten von Dessaus Chefcoach Vanja Radic erfreuen, der in der Pressekonferenz sagte: „Eine wirklich tolle Atmosphäre der beiden Fangruppen. Wir haben uns hier heute herzlich willkommen gefühlt!“
In Großwallstadt legten die Michel & Co. einen Traumstart hin. 6:0 führten die Klatt-Mannen nach fünf Minuten. Am Samstagabend sah die Lage komplett anders aus. Der personell stark dezimierte Dessau-Roßlauer HV, mit nur neun Feldspielern angetreten, legte ein 0:3 vor. Der Kapitän, Mattis Michel, und Winter-Neuzugang Soeren Servos, hatten allerdings was dagegen und sorgten bis zur 7.Minute für ein 4:4. Besonders das Servos-Tor zum 3:3, ein Spin-Move á la Juri Knorr, riss die 1313 Zuschauer in der Stählerwiese von ihren Sitzen. Doch wie gewonnen so zerronnen. Handballspiele verlaufen häufig in Wellenbewegungen. Und die nächste Welle erwischten die Gäste, die erneut auf drei Tore, in der dreizehnten Minute, beim 5:9, sogar auf vier Tore enteilen konnten. Filip Baranasic übernahm dann früh von Can Adanir, der seine Glanzleistungen aus den letzten Spielen nicht wiederholen konnte. Auf der Gegenseite stand dagegen ein Zerberus im Dessauer Tor, der schon früh im Spiel mit guter Quote zu glänzen wusste – Philip Ambrosius. „Nicht aufhören Tempo zu spielen“, war eine der Kernaussagen Klatts in der ersten Auszeit, die er früh nahm. Doch erst einmal trat keine Besserung ein. Im Gegenteil – die Blau-Weißen zogen nach und nach weiter davon. Im Angriff fanden die Sachsen-Anhaltiner immer wieder Lösungen über alle Positionen, währenddessen der Ferndorfer Rückraum nicht die Wucht aus den vorangegangenen Partien entwickelte. Klatt hatte sich für die erfolgreiche Aufstellung aus dem Großwallstadt-Spiel entschieden, und korrigierte dies in der 25.Minute, als er mit Nico Schnabl den Gamechanger aufs Feld brachte. Denn unter Schnabls Regie kämpften sich die Rot-Weißen zurück ins Spiel. Vier Assists steuerte der gebürtige Münchener bei und sorgte, gemeinsam mit einem nun besser agierenden Deckungsverbund, dafür, dass aus einem 8:14 (24.) innerhalb von nur drei Minuten ein 12:14 wurde. Der Hexenkessel hatte Betriebstemperatur und die restlichen zweieinhalb Minuten sollten zur weiteren Ergebniskorrektur genutzt werden. Doch statt weiter zu verkürzen, musste man das 15.Dessauer Tor schlucken und kam im letzten Angriff nicht mehr zum Abschluss. Doch der 12:15 Pausenrückstand ließ alle Möglichkeiten für Durchgang Zwei offen.
Schnabl blieb auch in Hälfte Zwei der Aktivposten bei den Klatt-Mannen. Und da Baranasic nun auch immer öfter die Hand an den Ball bekam, remisierten die Rot-Weißen beim 15:15 erstmals seit der 8.Minute das Spiel. In der mannbezogenen Ferndorfer Deckung machte Gabriel Viana nun viele Meter, stellte seinen Gegenspieler und nahm damit dem Dessauer Rückraum einiges an Entfaltungsmöglichkeiten. Die Ostdeutschen taten sich nun viel schwerer beim Thema Tore erzielen. Und auf Seiten der Siegerländer Jungs kam eine gewisse Leichtigkeit ins Spiel. „Wir haben teilweise nur acht Leute im Training, was eine schwierige Situation ist“ - Radics Aussage zur aktuellen Dessauer Personalsituation spielte dem TuS Ferndorf in die Karten, baute man doch darauf, hinten raus mehr Pfeile im Köcher zu haben. Doch erst einmal blieb die Partie ausgeglichen. Über 17:17 (38.) und 19:19 (42.), dauerte es noch bis eine Viertelstunde vor Schluss – ja bis, bis die TuS-Equipe erstmals die Führung an sich reißen konnte. Als dann Viana zum 23:20 vorlegte, musste man Angst um die Statik in der altehrwürdigen Stählerwiese haben. Der Hexenkessel stand kurz vor der Eruption. Doch die Rechnung hatten die Männer vom Kindelsberg ohne den Mann im Dessauer Tor gemacht. Einen Kunstwurf Eres', nach tollem Tempogegenstoß-Pass von Baranasic, nahm Ambrosius ihnen weg. Und da die TuS-Equipe nun vier technische Fehler in Folge produzierte, was im 23:23 (51.) mündete, sah sich Klatt zu seiner zweiten Auszeit gezwungen. Viana machte es seinem Kollegen auf Rechtsaußen nach und scheiterte auch mit einem Versuch des Kunstwurfs, deren Auswirkungen Klatt nach dem Spiel noch nicht verdaut hatte: „Wir lassen in der zweiten Halbzeit insgesamt zu viel liegen, wobei der verworfene Gegenstoß beim 25:23 besonders weh tut.“ Servos hatte zwei wichtige Tore erzielt, kassierte aber dann eine folgenschwere Zwei-Minuten-Strafe. Denn in diesen zwei Minuten nutzte Dessau schlecht ausgespielte Situationen zu zwei Toren aus der eigenen Hälfte. „Bei der Zeitstrafe brauchen wir ein besseres Game-Management“, war Klatt mit dem Ausspielen dieser Unterzahl-Situation äußerst unzufrieden. Es waren zwei Wirkungstreffer mitten ins Herz des TuS-Teams. Nach dem neuerlichen Ausgleich zum 27:27 legten die Gäste nochmal vor. Doch der erneute Ausgleich wollte nicht fallen. Unter dem Jubel der rund drei Dutzend Dessau-Fans markierte Marcel Nowak den 27:29 Endstand. Während man im Lager der stark dezimiert angereisten Sachsen-Anhaltiner einen nicht unbedingt eingeplanten Auswärtssieg feierte, herrschte im TuS-Lager Ratlosigkeit und Stille.
„Ich freue mich sehr für das Team“, meinte Radic und schob, auf die Frage nach der Leistung von Ambrosius, nach, dass „Brosi für die Mannschaft ein Vorbild und echter Leader ist“. Klatt vergab noch ein Lob an Nico Schnabl für dessen engagierten Auftritt, und richtete die Aufmerksamkeit auf das kommende Wochenende, wenn das schwere Auswärtsspiel beim Tabellenführer aus Bietigheim ansteht. Da bedarf es einer Leistungssteigerung, um für was Zählbares in Frage zu kommen. Durch den Sieg Krefelds gegen Großwallstadt ist die Gemegelage im Tabellenkeller wieder diffuser geworden. Nur fünf Punkte trennen den Tabellendreizehnten Ferndorf vom ersten Abstiegsplatz. Es sollte also trotz der nun anstehenden, überaus schweren Aufgaben, nochmal gepunktet werden, um nicht wieder in Abstiegsgefahr zu geraten. Nach Bietigheim ist eine spielfreie Woche, bevor es dann am 28.März gegen Balingen-Weilstetten weitergeht. Dann heißt es wieder um 18 Uhr: Raus aus den Sesseln, rein in den Hexenkessel – alle Mann dabei für den Klassenerhalt in Liga Zwei!
Eingesetzte Spieler (in Klammern die Tore): Soeren Servos (7), Nico Schnabl (5), Valentino Duvancic (4), Mattis Michel, Marvin Mundus (je 3), Josip Eres (2/2), Hampus Dahlgren, Julius Fanger, Gabriel Viana (je 1), Can Adanir, Filip Baranasic, Daniel Hideg, Finn Scharnweber
Fotos: H. Burbach, M. Lehmann, RGR/TuS Ferndorf





























